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Neues Flair im alten Kiez:
Das Scheunenviertel und der Hackesche Markt in Berlin Mitte einst Zentrum der Ostjuden und berühmt-berüchtigt in den 20er Jahren - erleben nach der Wende eine wahre Blütezeit. Zu DDR-Zeiten wäre das Viertel beinahe in Vergessenheit geraten, und heute brummt hier wieder der Bär.

Nach einem einstündigen Rundgang mit der Historikerin Frau Neubauer, die mit Ihrer wunderbaren Erzählkunst gepaart mit einem unerschöpflichen Wissensschatz und schauspielerischen Talent alle begeisterte, stärkten wir uns in bei Anna Koschke bei einem rustikalen Berliner Abendbrot. Danach spazierten wir zu dem eleganten Restaurant Modellhut mit exzellenter Küche und feinen Cocktails. Essen und Service in beiden Restaurants waren vorzüglich, ein herzliches Dankeschön von allen Gästen!
Fotos von Norbert Rößler

 
 
     
 

Christine Bartlitz hat Ihre Eindrücke von der Tour für uns aufgeschrieben.
Stadtspaziergang Scheunen-Viertel und in den Höfen rund um den Hackeschen Markt

Was sollte man tun, wenn man die Stadt kennen lernen möchte, ein paar Stunden dem Alltag entwischen, anregende Menschen treffen und dazu noch gut essen und trinken möchte?
Unbedingt eine Tour beim Genießerclub Berlin-Brandenburg buchen.

Am Treffpunkt schweift der Blick erst einmal umher, wer ist mit dabei, wen wird man in den nächsten Stunden kennen lernen? Auf jeden Fall Beate Neubauer, die uns ebenso kenntnisreich wie eindrucksvoll das Berliner Scheunenviertel nahe bringen wird und das wirklich im wahrsten Sinne des Wortes. Die S-Bahn-Trasse Hackescher Markt als Stadtgrenze plötzlich, veränderten sich die gewohnten Dinge, dort, wo man abends ein Bier trinken geht, ist auf einmal die Vergangenheit präsent. Zuerst ein Blick zur Spree, wer kam damals eigentlich in das sumpfige Gebiet im Osten? Meistens waren es die Armen, die sowieso nichts zu verlieren hatten. Sie aßen viel Kohl, der war billig und wuchs hier, und feierten gerne, die Überlieferung berichtet von bis zu acht Tagen bei einigen Ratsherren. Was aßen und tranken sie damals, was brachten sie mit aus ihrer Heimat? Beate Neubauer schärft unsere Sinne: Wie sahen die Hackeschen Höfe damals aus? Wer lebte dort? Im vierten Hof der Blick über die Mauer auf einen jüdischen Friedhof. Wann kamen die Juden eigentlich? Gleich nach dem 30-jährigen Krieg, erfahren wir, da wurden nämlich viele jüdische Familien aus Wien ausgewiesen, sie sollten nicht vom Wiederaufbau profitieren. Und Berlin ergriff die Chance, die Stadt zu vergrößern, und gab einigen von ihnen, natürlich nur den Reichsten, das Recht sich anzusiedeln. Wir schlendern durch die Sophienstraße, vorbei an der Bäckerei Balzer, wo die Brötchen noch selbst gebacken werden. Frau Neubauer berichtet von der alten Frau Balzer, die Kassiber von Angehörigen in dem Brot versteckte, das sie ab 1942 in die Große Hamburger Straße, zum Sammelplatz für die Deportation in die Konzentrationslager lieferte.
Es ist fast so, als kenne Beate Neubauer jeden Stein. In den Sophienhöfen riechen wir fast die Jahrhundertwende, den Kohlgeruch und andere menschliche Ausdünstungen, hören die Stimmen der Frauen, der spielenden Kinder. Daneben immer wieder das heutige Berlin, lebendig, ein Touristenmagnet, in der ehemaligen Schlachterei nun das Antiquariat, in der verruchten Kneipe der 1920er Jahre jetzt ein schicker Italiener, daneben die Boutique mit junger Designermode. Durchgefroren, der Frühling ist noch weit entfernt, kehren wir bei Anna Koschke ein. Zille in Berlin, aber nicht nur für Touristen, die verblichenen Fotografien hängen schon sehr lange dort. Der Tisch ist gedeckt. Wir beginnen mit Alt-Berliner Kartoffelsuppe, es folgt Kartoffelsalat mit Boulette, übrigens ein Mitbringsel der Hugenotten, die Boulette, Boule gleich Bällchen. Und dann noch fast der Höhepunkt ein Graubrot, wie wir es schon lange nicht mehr geschmeckt haben, mit Hackepeter und Zwiebeln. Mittlerweile sind sich die Teilnehmer näher gekommen, Schinken und Harzer Roller werden bereitwillig getauscht. Dann geht es wieder hinaus, vorbei an der Sophienkirche, wo Beate Neubauer mit viel schauspielerischem Talent an die unglückliche Sophie Luise erinnert, die, mit dem ersten Preußenkönig König Friedrich I von Preußen verheiratet, zutiefst unglücklich in geistiger Umnachtung starb. Und wieder ist es da, dieses Gefühl, in der jetzt schon dunklen Berliner Nacht, dass sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen. Zum krönenden Abschluss dann die Einkehr ins Restaurant Modellhut in der Alten Schönhauser Straße, wo wir in der feinen Bar exqusites Fingerfood (Sushi, Frühlingsrollen, kleine Spinatquiche) und Cocktails genießen. Mit einem Gin-Fizz in der Hand werden nun die Bekanntschaften intensiviert, Visitenkärtchen ausgetauscht oder Telefonnummern auf Bierdeckel geschrieben.
Wir kommen wieder.